DOWN  UNDER

Alan tanzte auf dem Tisch,
als die ersten Töne der Querflöte durch den Pub fegten.
Es kam Bewegung in die Gäste.
Der Wirt drehte die Anlage hoch bis zum Anschlag und
die ersten Stimmen wurden lauter:
„Travelling in a fried-out Kombi,
on a hippie trail, head full of Zombies“.
Der Reggae-Rhythmus aus messerscharfen Gitarren,
das Schlagzeug treibend und so klar wie ein Gebirgssee.
Stühle wurden beiseite geschoben,
Biergläser im Takt geschwenkt und
dann erklang aus fünfzig, sechzig Kehlen:
„Do you come from the land down under,
where women glow and men plunder?“
Bei der zweiten Strophe waren alle auf der Reise.
Der kleine Pub stand nicht mehr in einer
grauen Nebenstraße in Rochester,
wir waren alle im Outback Down Under,
obwohl der Sänger erst in Brüssel war
und ein Vegemite-Sandwich verschenkte,
um dann allen zu erzählen:
„I come from a land down under,
where beer does flow and men chunder“,
und da war sie, die Rattenfängerflöte
mit ihrer Freundin, der scharfen Gitarre.
Zusammen gingen sie durch das Solo,
angeführt vom unbestechlichen Beat der Snare-Drum.

Alan war jetzt vom Tisch gesprungen
und tanzte abwechselnd mit dem Wirt
und einer der  Frauen, die vergessen hatten,
dass das Hausfrauenleben kein Abenteuer ist,
und für die der Cider zumindest eine Gelegenheit war,
mal aus dem Hamsterrad auszusteigen.
Die Reise war noch nicht zu Ende, denn
Bombay ist die letzte Station, bevor das Ziel erreicht ist,
und man wird schon dort gefragt:
„Do you come from the land down under
Where women glow and men plunder?“,
doch auch gewarnt:
„Can't you hear, can't you hear the thunder?
You better run, you better take cover,“

Doch es interessierte niemanden,
alle waren angekommen,
alles tanzte, Gesichter strahlten, Pubsonne schien.
Der Gesang zog durch geschlossene Türen und Fenster
in eine kalte Novembernacht, beschallte die Vorgärten
der kleinen, grauen Reihenhäuser und
zauberte für fünf Minuten die Lässigkeit
eines fernen Lebens in die Köpfe der Menschen.
Und die tanzten, sangen, lachten,
hörten nicht auf, auch weil der Wirt das Reset betätigte.
Niemand stieg aus, alle hatten ihre Müdigkeit besiegt,
klammerten sich an die Musik,
Hoffnung, Pläne und Träume.
Warum nicht in Down Under,
where beer does flow and men chunder?

45 Jahre später hören wir den Song
in einem kleinen Café in Berlin.
Wir lächeln uns an und der Reggae-Rhythmus
lässt erst einen Fuß im Takt wippen,
dann lädt sich der Rest des Körpers
mit melodischer Wärme auf.
Ein kurzer Blick zum Tresen
macht die Hoffnung, irgendwer würde
die Lautstärke nach oben verschieben, zunichte,
aber es nimmt dem Moment nichts
von seiner Magie, im Gegenteil,
als im Song der Chor einsetzt,
sind wir dabei, ohne es gewollt zu haben.
Gefangen im Song mit den klaren Worten,
der schneidenden Gitarre, der treibenden Snare-Drum
und der übermütigen Querflöte,
der Stimme, die immer noch genauso verführerisch klingt
wie vor 45 Jahren und wir stimmen mit ein,
beobachtet von ungläubig dreinschauenden Cafébesuchern:
„Do you come from the land down under,
where women glow and men plunder?“

Ab und zu schauen wir zur Eingangstür,
ob nicht zufällig Alan hereinkommt,
um auf dem Tisch zu tanzen.
Doch das passiert nicht, weil er damals der Einzige war,
der es wirklich geschafft hat – nach Down Under.



Titel: „Down under“, Text und Musik Colin Hay und Ron Strykert
Veröffentlicht mit Men at Work 1981


© 2026, Jörg Reinhardt

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